Prof. Dr. iur. Joachim Löffler:
Ansprache zur Vernissage "Akt abstrakt"
von Anita Thede am 25.1.2000 im Foyer der Fachhochschule
Heilbronn

Aufgabe von Kunst ist es heute, Chaos in die Ordnung zu bringen (Theodor W. Adorno)
Frau Anita Thede, die im 2. Semester Fertigungsbetriebswirtschaft und Unternehmensführung studiert, hat mich gebeten, die Ansprache zur Eröffnung ihrer Ausstellung "Akt abstrakt" zu halten. Die FBler wie unsere Studierenden abgekürzt genannt werden, gelten an unserer Hochschule neben den weltgewandten Tourismusbetriebswirten und den höchst mobilen Verkehrsbetriebswirten oft als etwas dröge, d. h. trocken, sachlich und auch langweilig. Es hat mich deshalb besonders gefreut, daß eine Studentin aus unserem Studiengang den persönlichen Mut besitzt, dieses Vorurteil durch eine Ausstellung mit abstrakter Aktmalerei zu widerlegen. Und Mut gehört sowohl zur Abstraktion als auch zur Aktmalerei.
Zunächst ein paar Wort zur Künstlerin: Frau Thede ist 1966 in Heilbronn - oder genauer gesagt in Böckingen geboren, was ja für Eingeweihte ein ganz wichtiger Unterschied ist. Aus ihrem Geburtsjahr ergibt sich bereits, daß Frau Thede nicht unmittelbar nach dem Abschluß ihrer Schulausbildung zu uns gefunden hat. Nach meiner Erfahrung sind die etwas später berufenen Studierenden aber oft die interessantesten, den sie bringen natürlich ihre bereits gesammelten Lebens- und Berufserfahrungen an die Hochschule mit. Im günstigen Fall ist das für beide Seiten ein Gewinn. Frau Thede hat im Laufe ihres Lebens Berufserfahrung z. B. als Schilder- und Lichtreklameherstellerin, als Testfahrerin bei der Firma FIAT und als Designerin von Gaststätteneinrichtungen gesammelt. Wie sie selbst sagt, war das Malen bei ihr aber schon immer als Neigung oder Berufung vorhanden - und sie gehört zur ganz großen Gruppe der Künstler, die ihren Lebensunterhalt in anderen Berufen suchen oder suchen müssen. Das ist keine Schande. Mein berühmter Juristenkollege, der Schriftsteller Franz Kafka hat seine berufliche Existenz als Sachbearbeiter bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen" bestritten.
Der Zugang zu abstrakter Kunst ist ja nicht ganz einfach - auch für mich persönlich nicht, wie ich hier anmerken will. Abstrakte Kunst bleibt oft von der Mehrzahl ihrer Betrachter unverstanden. Viele Menschen, für die Kunst von Können kommt - und ich will der überheblichen Versuchung widerstehen, dies Haltung einfach als spießerhaft zu brandmarken - halten sie für sinnlos. Abstrakte Malerei ist gekennzeichnet durch die Vernachlässigung des gegenständlich Erkennbaren bis hin zu seiner völligen Auflösung. Und Auflösung ist auch der zentrale Begriff im Oeuvre von Frau Thede. Bei einem langen Gespräch, das ich zur Vorbereitung dieser kurzen Ansprache mit ihr geführt habe, ist dieser Begriff immer wieder aufgetaucht. Und Auflösung ist ja ein mehrdeutiger Begriff. Auflösen kann man z. B. ein Rätsel oder eine mathematische Gleichung, aber das ist sicher nicht die Auflösung, um die es Frau Thede geht. Bei ihr steht die Befreiung aus Bindungen, die Lösung der Gegenstände aus ihrer Erstarrung im Vordergrund. Sie versucht, die Dinge durch die Abstraktion - durch die Reduktion auf das wesentliche - aus der Erstarrung zu lösen, sie zu beleben. Aus diesem Grunde betitelt Frau Thede ihre Bilder auch nicht, obwohl ich selbst zu den vielen Betrachtern gehöre, denen das viel lieber wäre., weil Sie dann wenigstens wüßten, was sie sich vorstellen sollen. Frau Thede will ihre Bilder aber nicht durch einen Titel festnageln, sie nicht in einen bestimmten Raum zwingen. Das Bild entsteht im Auge des Betrachters oder, um es mit einem Satz aus dem kleinen Prinzen von Antoine Saint-Exupery zu sagen - ein Buch, das Frau Thede sehr liebt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Immerhin gibt uns Frau Thede ein Thema vor, nämlich daß es sich um Akte, und zwar überwiegend um männliche Akte handelt, was aber laut Frau Thede wiederum eher zufällig ist. Dabei hat die Aktmalerei für Frau Thede nur wenig mit Erotik zu tun. Nacktheit und Erotik sind nämlich nicht identisch - auch wenn die Titelseiten unserer Illustrierten oft etwas anderes behaupten. Nacktheit hat für Frau Thede vor allem mit Verletzlichkeit zu tun, mit Selbstpreisgabe, mit sich nicht mehr verstecken können. Und für Frau Thede gibt sich nicht etwa das Modell preis, sondern sie selbst als Malerin. Und die Abstraktion ist der einzige Schutz, der ihr dann noch bleibt.
Lassen Sie sich also auf die Herausforderung der Abstraktion ein. Betrachten Sie die hier ausgestellten Werke von Anita Thede und lassen Sie die Bilder in ihren Köpfen entstehen. Abtrakte Kunst ist ein Abenteuer des Geistes und auch des Herzens. Nehmen Sie an diesem Abenteuer teil.
Nun in diesem Sinne bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, wünsche ich Ihnen allen viel Spaß bei dieser Ausstellung und noch einen schönen Abend.
Einige Beispiele aus der Ausstellung, die mir persönlich besonders gut gefallen haben:



Die vollständige Ausstellung kann hier
besichtigt werden.